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Zwischen 1700 u. Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten Europäer vor allem in die USA aus. Die meisten in der Zeit von 1836 bis 1914, nämlich über 5
Millionen. Auch wir Stohns waren dabei. Die Menschen fliehen vor Hunger, Armut und Verfolgung mit der Hoffnung auf ein besseres Leben und dafür nehmen sie ungeheure Strapazen und monatelange Reisen auf sich.Tausende Menschen
wollen und müssen weg. Einige fliehen vor politischer Verfolgung. Viele treibt der unstillbare Drang nach Selbstverwirklichung; aber in Millionen von Fällen verlassen die Menschen ihre Heimat nur aus einem einzigen Grund:
aus einer heute unvorstellbar großen Armut. Das Leben der Landbevölkerung ist besonders hart. Anfang des 19. Jahrhunderts steigt die Bevölkerungszahl. Die Erträge der kargen Böden ernähren vielerorts die Menschen nicht mehr.
Die Situation ist trostlos. Unterkünfte in verfallenen Hütten, nichts zum Heizen, katastrophale hygienische Zustände, vor allem aber Hunger. Der Taglohn eines Zimmermanns sinkt auf 90 Pfennige. Ein Müller bringt es gerade auf
etwa 36 Taler im Jahr. Die Bauern verdienen sich durch Kräutersammeln ein paar zusätzliche Groschen oder weben in Heimarbeit Stoffe oder flechten Körbe. Dann ab ca. 1840 hält auch in Deutschland das Maschinenzeitalter
Einzug. Dampfmaschinen treten ihren Siegeszug an und die mechanische Massenproduktion verdrängt die herkömmliche Handarbeit. Die Produkte, für die die ganze Familie in mühsamer Heimarbeit schuftet, finden keine Abnehmer mehr.
Die Verarmung ganzer Landstriche ist nun nicht mehr aufzuhalten. Teile von Thüringen und Sachsen, das Erzgebirge, Vogtland, auch der Harz: überall ist es gleich schlimm. Die Menschen leben von der Hand in den Mund. Zu allem
Übel kommen heute unvorstellbare Plagen über das Land: Dürren, Nässe und Hagelwetter. Schließlich eine Mäuseinvasion. 1817 kommt es zur ersten großen Hungersnot. 35 Jahre später, am 26. Mai 1852, verwüstet Hochwasser das Land.
Die Lebensmittelpreise schnellen in die Höhe. Die Regierung denkt darüber nach, die Ärmsten in Arbeits-Kolonien abzuschieben. Auch wer arbeitet, hat keine Chance, menschenwürdig zu überleben. Holzdiebstahl und Wilderei
werden alltäglich. Tausende Handwerker und Heimarbeiter verkaufen ihre kleinen Anwesen: Mit dem Geld finanzieren sie sich die Überfahrt nach Amerika. Sie verbinden damit ihre letzte Hoffnung auf Zukunft. Aus fast allen Orten
des Gebiets kehren mindestens 15 Prozent der Menschen ihrer Heimat den Rücken - gleich ob Zimmerleute, Bäcker, Tagelöhner. Wer im Hafen Platz auf einem der 500-Tonnen-Segler findet, wird meist zusammengepfercht zwischen der
Ladung transportiert. Sieben bis 12 Wochen dauerte eine Seereise. Seekrankheit, Ruhr, Geschwülste, Skorbut plagen die Passagiere. Viele Passagiere sterben. 5,5 Millionen Deutsche verlassen ihre Heimat Richtung Übersee. Doch
schon in den Nordseehäfen geraten die Menschen aus der Provinz in einen verwirrenden Strudel von Auswanderern, Abenteurern und Geschäftemachern… Tausende hoffen auf Erfolg, Wohlstand und Ruhm. Sie geben alles auf, verkaufen
Haus und Hof, um eines der begehrten Überfahrttickets zu bekommen. Sie brechen alle Brücken hinter sich ab und sind damit leichte Beute für Beamte, Betrüger und Geschäftemacher. 60 Taler kostet ein einziges Ticket. Es ist
heute kaum noch vorstellbar, was es hieß, sich mit der ganzen Familie und Gepäck auf den Weg zu machen, um einen Hafen an der Küste zu erreichen. Eisenbahnen gibt es noch nicht, und Postkutschen sind für die meisten Auswanderer
unerschwinglich. Also macht man sich mit kleinen Handkarren auf den Weg zum nächsten schiffbaren Fluss. Wenige können sich die komfortable Passage über Elbe und Weser auf einem der Raddampfer leisten. Ärmere nehmen einen Last-
oder Marktkahn; und im Frühling hoffen viele Mittellose darauf, umsonst auf einem Floß nach Bremerhaven mitgenommen zu werden. Doch selbst wer auf dem sicheren Weg zum Hafen ist, hat das Schlimmste immer noch vor sich. Denn
auch das lange Warten im Hafen kostet Geld. Die Stadt Bremerhaven beginnt, von den Armen zu leben. Sie bietet Massenunterkünfte und verkauft überteuerte Waren an die Abhängigen. So sind viele Auswanderer schon mittellos, wenn
endlich ein Schiff abfahrtbereit am Kai liegt. Selten aber erbarmt sich ein Kapitän und nimmt Leute umsonst mit über den Ozean. Es werden penibel Listen geführt, wer mit wie viel Gulden das Land verlässt. Manch einer reist mit
14.000. Andere bekommen kaum die vorgeschriebenen 100 zusammen.
Einige verdienen gutes Geld damit, Überfahrten zu vermitteln. Schnell erkennen geschäftstüchtige Unternehmer, dass mit den Auswanderern ein gutes Geschäft zu machen ist, nicht nur in den Häfen, auch in der Heimat lässt sich viel Geld an der Armut verdienen. Es entsteht ein eigener Markt. Agenten werben Ausreisewillige.
Als sich die Eisenbahn durchsetzt, ändert sich die gesamte Logistik der Auswanderung. Jetzt wird alles effektiv geplant, Reisezeiten von Zug und Schiff aufeinander abgestimmt. Von nun an können Reisewillige in kürzester
Zeit befördert werden. Gute Agenten begleiten die Auswanderer bis zur letzten Minute. Betrüger dagegen geben sich als erfahrene und zuverlässige Angestellte großer Agenturen aus, kassieren Handgeld als Vorschuss und
verschwinden. In Bremen gründen unterdessen Reeder die Agentur und Schifffahrtslinie "Norddeutscher Lloyd". Wichtigstes Geschäftsziel ist, an den Auswanderern zu verdienen. Als erste Agentur setzt der
"Norddeutsche Lloyd" sogar ausschließlich Dampfschiffe ein. Das Unternehmen wächst ständig, übernimmt auch Antransport , Verpflegung, Übernachtung und Abfertigung. Alleine diese Gründung schafft Tausende neue
Arbeitsplätze in Bremerhaven. Als immer mehr Menschen hoffnungsvoll und leichtfertig in die Fremde ziehen, wird es gleichzeitig auch immer schwerer auszuwandern; denn nun wird das Einreiseland USA wählerisch: Die USA
verschärfen ihre Einreisebestimmungen: Nicht erwünscht sind Menschen mit: "…Epilepsie, Geisteszerrüttung, Blödsinnigkeit, verwachsene(n) Glieder(n), schwangere Frauen ohne Männer, alleinstehende Frauen mit Kindern,
Taubstumme…" Die Zeiten der winzigen 500-Tonnen-Segler, als Auswanderer unter erbärmlichsten Bedingungen zwischen der Ladung transportiert wurden, sind vorbei. Auch Ruhr und Skorbut hat man jetzt halbwegs unter
Kontrolle. Aber auch die Überfahrt auf umgebauten Viehtransportern ist kein Vergnügen, wenn auf einmal aberhunderte Passagiere in den riesigen Zwischendecks seekrank werden. Und viele Auswanderer sind nur schlecht auf die
Überfahrt vorbereitet. Nach so vielen Strapazen ist der Anblick von Ellis Island, der amerikanischen Quarantäne- und Einwanderungsinsel, wie das Auftauchen einer Oase in der Wüste. Aber noch ist das ersehnte Land nicht
wirklich erreicht. Die Aufnahmeprozeduren werden von Jahr zu Jahr strenger. Manchmal müssen Familien noch wochenlang auf Ellis Island ausharren. Nicht wenige werden wieder zurückgeschickt, weil sie zu schwach und bedürftig
erscheinen - oder weil sie unliebsam auffallen. Gleich nach Ankunft der Auswanderer werben Baumwollfarmer, Plantagenbesitzer und Fabrikanten um die Neuankömmlinge. Viele Mitteldeutsche haben sich von den Versprechen der
boomenden amerikanischen Wirtschaft zur Auswanderung verlocken lassen: Die USA brauchen angesichts des industriellen Aufschwungs qualifizierte Arbeitskräfte ohne Ende. Also werben sie mit Annoncen in mitteldeutschen Zeitungen
damit, dass Reisewilligen die Überfahrt bezahlt wird. Die Kosten allerdings müssen die dann oft über viele Jahre abarbeiten. Nur für wenige wird Amerika zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auswanderungshäfen waren vor
allem Antwerpen, Bremen, Le Havre, Rotterdam und Hamburg. Dort wurden die Auswanderungswilligen in Passagierlisten eingetragen. Orginale sind vor allem in Hamburg noch fast vollständig erhalten.
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